Grundlagen der Myoreflextherapie
Geschichte
Die Myoreflextherapie entwickelte sich aus einer Vielzahl unterschiedlicher Erkenntnisse und Wissenschaften. Sie beinhaltet Erfahrungen und Einsichten alter Kulturen ebenso wie Ergebnisse der modernen Physik und der aktuellen Hochschulmedizin. Auf den ersten Blick scheinbar fremde Elemente sehr unterschiedlicher Denkmodelle verflechten sich so zu einem neuen und vielschichtigen Handlungs- und Therapiekonzept. Entscheidende Eckpfeiler der Myoreflextherapie sind:
- Funktionelle Anatomie und das Muskelsystem
- Physik und Biomechanik des Bewegungsapparates
- Phänomenologie und Erfahrungsmedizin der östlichen Hemisphäre mit der traditionellen chinesischen Medizin (TCM)
- Psychologie und Psychotraumatologie
- Physiotherapeutische Verfahren
- Neurophysiologie und Neuropsychologie
- Neurobiologie.
Diese Wissenssysteme bilden das Fundament der Myoreflextherapie; verschiedene Modelle und exakte theoretische Beschreibungen fließen ein in ein mehrdimensionales Behandlungskonzept. Dabei geht es nicht nur um ein einfaches Zusammenführen therapeutischer Methoden, sondern um eine möglichst reichhaltige und vielschichtige Basis der Beschreibung und Behandlung ein und desselben Gegenstandes – des Menschen. Bei näherer Betrachtung der einzelnen Therapiesysteme fallen eine Vielzahl sich einander entsprechender Teilelemente unübersehbar auf.
So verschmelzen unterschiedliche Sprachen, kulturelle Anschauungen und scheinbar gänzlich unterschiedliche Modelle im wahrsten Sinne des Wortes in einem Punkt. Physik, Anatomie, neurophysiologische Grundlagen und spezielle Akupunkturpunkte erweisen sich letztendlich als unabhängig von kulturellem, geographischem und zeitlichem Hintergrund. Somit geht es nicht um die Diskussion, welches Modell richtig oder falsch, oder welche Denkweise veraltet oder neu sein könnte, sondern um ein Plussummenspiel mit mehreren, in sich stimmigen Lösungen.
Grundprinzipien
In der Myoreflextherapie wird in erster Linie der Muskel-Sehnen-Knochen-Übergang in funktionellen Zusammenhängen und kinetischen Ketten behandelt. An diesen Stellen werden Berührungsreize verstärkt wahrgenommen, dies ist auf die vermehrte Anhäufung von Golgi-Sehnen-Organen und Muskelspindeln in diesem Bereich zurückzuführen. Bei der Palpation finden sich häufig schmerzhafte Verhärtungen, Myogelosen und bindegewebige Aufquellungen, wobei bereits eine leichte Druckerhöhung zu einer Schmerzempfindung mit "referred pain" an entfernten Stellen innerhalb der gestörten kinetischen Kette führen kann. Nach genauer Palpation und Druckpunktstimulation derartiger Punkte lösen sich die tastbaren Veränderungen nach einer gewissen Zeit (Sekunden bis wenige Minuten) auf. Über einen allmählichen manuellen Druckanstieg am Muskel-Sehnen-Knochen-Übergang werden neuromuskuläre und bindegewebige Reaktionen ausgelöst.
Bei der Myoreflextherapie geht es um die sofortige, spontane Regulation der Spannung im Muskel / Muskelsystem und damit um die Entlastung von Gelenken und Weichteilstrukturen. Umstellungsreize veranlassen den Organismus zu entsprechenden Regulationen und zur Wiederherstellung einer funktionstüchtigen, schmerzfreien Anatomie. Damit verbunden ist die Aufhebung vielfältiger Symptome, welche durch muskel-induzierte Symmetriestörungen und chronische Fehlbelastungen hervorgerufen werden können. Neben Haltungsasymmetrien und chronischen Schmerzzuständen sind dies etwa Auswirkungen im Vegetativum wie Schlafstörungen, allgemeine Unruhe, viszeralen Dysfunktionen wie essentielle Hypertonie und vieles mehr.
Mit der MRT wird somit der in der aktuellen Hochschulmedizin definierte Muskelansatz (mit seinen entsprechenden, neurophysiologisch exakt beschriebenen Muskelspindeln und Golgi-Sehnen-Organen) aus einem theoretischen, vorklinischen Fachgebiet herausgeholt und in einem praktischen und ganzheitlichen Behandlungsansatz verwendet. Die medizinische Tradition der östlichen Hemisphäre beschreibt dieselben Punkte in einem komplexen Meridiansystem, ohne jedoch Wert auf den erklärenden, explorierenden Charakter der westlichen Medizin zu legen. Über die Physik jedoch kann aufgezeigt werden, dass die Achsen und Vektoren der Wirkkräfte des Bewegungsapparates in Punkten / Bereichen münden, die mit den traditionellen Akupunkturpunkten / Meridianen deckungsgleich sind. Eine Disziplin, die weder der westlichen Hochschulmedizin noch den medizinischen Traditionen des Ostens verpflichtet ist, bestätigt somit die Akupunkturpunkte – ausgehend von der funktionellen Bewegungsgeometrie des Bewegungsapparates.
Neurophysiologie
Die Myoreflextherapie hat aufgrund der in der täglichen Praxis zu beobachtenden Phänomene den Anspruch, nicht allein auf einer peripheren Ebene der Reflexe zu arbeiten. Mit Sicherheit verdankt sie ihre Erfolge vielmehr der Tatsache, dass diese Peripherie gleichsam den Zugang zu zentralen und höheren Instanzen der Motorik und zudem der Informationsverarbeitung allgemein (und so letztendlich den Zugang zum Gesamtorganismus Mensch) darstellt. Es würde jedoch den Rahmen dieser Arbeit sprengen, die vertikale Vernetzungen (die hierarchische Struktur) des Gesamtnervensystems auf all seinen Ebenen und Details darstellen zu wollen. Die Peripherie ist in unserer Darstellung insofern von besonderer Bedeutung, als sie mit ihren Sensoren der Motorik den direkten Ansatzpunkt der Myoreflextherapie darstellt. Sie ist gleichsam der Zugangsweg, über den der Behandelnde einen therapeutischen Dialog mit den informationsverarbeitenden Instanzen des Organismus aufnimmt. Gleichzeitig bietet die Peripherie mit ihrer zusätzlichen Rolle als Erfolgsorgan auch die Möglichkeit der Kontrolle und Registrierung (Palpation) der Veränderung.
Bei einem gestörten Bewegungsprogramm z. B. Hypertonus wird über die Druckpunktstimulation des Muskels die Rezeptorleistung der Muskelspindel zusätzlich (über das normale Maß hinaus, Reizschwelle) übersteuert. Das ZNS nimmt diese Überreizung wahr und reagiert mit einer Antwort, die der Übersteuerung entgegenwirkt (Regulation). Dieses Regulationssystem lässt sich perfekt in Muskelschlingen und –ketten sowie kinetische Ketten einbauen. Durch eine genaue Anamnese und bewegungskundige, biomechanisch versierte Therapeuten lassen sich z. B. traumatische Einflüsse rekonstruieren und durch das vom Körper gewählte Kompensationsmuster nachvollziehen. Werden diese Kompensationsmuster nun myoreflextherapeutisch behandelt, kommt es im optimalen Fall zu einer spontanen Remission, d. h. das Kompensationsmuster wird durch eine Übersteuerung durchbrochen und in ein dem ZNS bekanntes Bewegungsmuster umgeschaltet. Dieser optimale Fall tritt jedoch nur dann ein, wenn die Kombination der Druckpunkte richtig gewählt wird und wenn sich noch kein darauf aufbauendes Kompensationsmuster manifestiert hat. Ist ein solches vorhanden, kommt es zu einer Rückwärtsreaktion. Ein Muster löst das vorhergehende ab bis das initiierende Muster aufgedeckt wird. Liegt eine strukturelle Schädigung vor, sind wir in der Lage, dem Organismus die optimale Hilfestellung zu geben, diese Kompensationsmuster zu neuromuskulärer Plastizität zu optimieren.
Die vertikale Informationsvernetzung mit ihrer Koordinationsleistung kann in unterschiedliche Organisationsstufen gegliedert werden; von der peripher-spinalen Organisationsebene über die rhombo-spinale Stufe bis hin zur rhombo-mesencephalen Stufe. Leitsystem der rhombo-spinalen Organisationsstufe ist die Formatio reticularis. Über die Formatio reticularis und Schaltungen zu Strukturen des Kleinhirns wird der Tonus der Muskulatur geregelt, d.h. auf den Bedarf verschiedenster Funktionen abgestimmt. Auf dieser Ebene sind Schaltsysteme für kinetische Ketten programmiert und abgespeichert. Die Basalganglien setzen den Bewegungsplan aus dem assoziativen Kortex in ein Bewegungsprogramm, also in ein zeitlich und räumlich organisiertes Impulsmuster um. Jede Bewegung und jeder Griff dient sozusagen als Training und Programmierung von Komplexbewegungen, welche ganze Ketten von Muskelelementen (von den Extremitäten bis über die ganze Wirbelsäule) anlegen und bei Bedarf aktivieren.
Psychotraumatologie
Betrachtet man die psychosomatischen und somatopsychischen Beschwerden als ein sich bedingendes System wird klar, dass solche Beschwerden verstärkt auch über somatische Strukturen beeinflusst werden müssen, damit der Zugang zu zentralen Strukturen wie der Amygdala, welche die Psyche (Trauma) mit der Bewegung koppelt, behandelt werden kann. Daraus lässt sich ableiten, dass der Körper einen optimalen Zugang bietet, um psychosomatische Beschwerden zu therapieren. Die Myoreflextherapie greift die körperlichen Traumakompensationsmechanismen des Patienten auf und macht sie ihm aufgrund der Übersteuerung durch die Druckpunktstimulation der betroffenen Muskelsysteme bewusst. Dabei kommt es immer wieder, getriggert durch die Körperstrukturen, zu dem Phänomen des Flashbacks, d.h. der Patient durchlebt die Traumahandlung erneut, wobei das Wiedererleben in einem positiven, therapeutischen Kontext aufgefangen wird. Erst durch das Bewusstwerden des kompensatorischen Körpermusters ist der Patient in der Lage, dieses auch aktiv zu verändern.
Die Myoreflextherapie sieht sich in diesem Zusammenhang als Traumakomplementärtherapie, welche die psychotherapeutischen Ansätze in vielen Fällen nicht nur ergänzt sondern deren Einsatz erst ermöglicht. Viele der Patienten können auf ihre traumatischen Erinnerungen nicht explizit zugreifen. Hier bietet die Myoreflextherapie einen optimalen Zugang, da sie die Ebene des impliziten (Körper-) Gedächtnisses primär aufgreift und damit ein therapeutisches Setting auf verschiedenen Ebenen ermöglicht.
